IPV-Branchenumfrage 2022: „Echte Weichenstell...
IPV-Branchenumfrage 2022

„Echte Weichenstellung für unsere Branche“

Fachkräftemangel bleibt, unklares Bild bei der Investitionsfreude.

„2022 ist aus vielen Gründen ein Jahr der grundlegenden Weichenstellungen und der Veränderung“, resümiert Karsten Hunger, Geschäftsführer des Industrieverbandes Papier- und Folienverpackungen (IPV): Ukraine-Krieg, Schwierigkeiten bei der Rohstoffzulieferung, explodierende Energiekosten, Fachkräftemangel und die Umstellung der Produkte sowohl auf nachwachsende Rohstoffe als auch bessere Recyclingfähigkeit, die Liste der bestimmenden Schlagworte bei der diesjährigen Branchenumfrage ist lang. „Umso beachtlicher ist es, wie stabil und positiv sich die Unternehmen diesen Aufgaben stellen“, ergänzt Hunger. Die Branche ist robust aufgestellt. Denn obwohl die Baustellen für die Unternehmen sehr groß und vor allem vielfältig sind – und beispielsweise mehr als 87 Prozent der Unternehmen weitere hohe Preise und steigende Kosten auf den Rohstoffmärkten bei Papier und Kunststoff befürchten – glauben doch immerhin 60 Prozent der Mitgliedsunternehmen, dass die Geschäfte 2022 gleich oder (noch) besser als im Vorjahr laufen werden. Damit spiegelt sich trotz zusätzlicher Belastung durch Krieg und Energiekrise eine ähnlich positive Stimmung wie 2021 wider.

Rohstoffe nicht mehr mittelfristig zu kalkulieren

Für den IPV ist es bereits die zweite Umfrage in diesem Jahr. Nach einer außerplanmäßigen Ukraine-Blitzumfrage im April ging es jetzt um den Gesamtblick auf das Geschäftsjahr 2022 und die Beurteilung des vergangenen Jahres. Was auffällt, ist die bei mehr als 75 Prozent der Unternehmen wachsende Umsatzentwicklung. Die einleuchtende und gleichzeitig ernüchternde Antwort dahinter ist schlicht und einfach, dass die Rohstoff- und Produktionskosten deutlich gestiegen sind und den Umsatz künstlich haben steigen lassen. Allerdings haben auch 75 Prozent im zurückliegenden Jahr eine bessere Rendite als im Vorjahr erwirtschaftet (größer zwei Prozent). Das sind 20 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Betriebe arbeiten aktuell unter Vollauslastung.

Fachkräftemangel bleibt, unklares Bild bei der Investitionsfreude

Die Covid-19-Pandemie hat natürlich maßgeblich das vergangene Geschäftsjahr bestimmt. Viele Kunden erhöhten zur Sicherung gegen mögliche Lieferausfälle ihr Auftragsvolumen. Aber eines wird auch klar. Die Corona-Pandemie kommt einem aktuell weit entfernt vor. Neue Probleme überlagern diese Erinnerungen bereits. Vor allem die Beschaffung von Rohstoffen und Handelswaren sind 2022 noch schwerer geworden und schlicht und einfach nicht im Vorfeld kalkulierbar. Viele Unternehmen arbeiten schon nur noch über aktuelle Angebote und machen gar keine Rahmenverträge mehr. Auch Preislisten haben mittlerweile ein schnelles Verfallsdatum. Die Bevorratung von Rohstoffen wurde in vielen Betrieben bereits systematisch ausgebaut.

Positive Meldungen sind bei den Mitgliedsunternehmen des Verbandes im Bereich Personal zu vermelden. Kein einziges Unternehmen meldete dem IPV einen signifikanten Rückgang der Beschäftigtenzahl. Aber 75 Prozent der Betriebe arbeiten mit der gleichen Anzahl an Mitarbeitern wie 2021. 25 Prozent konnten einen Anstieg der Mitarbeiterzahlen melden. Ein unklares Bild bringt der Blick auf die Investitionsleistungen. Immerhin fast 40 Prozent haben für 2022 die eigenen Investitionsleistungen aufgestockt, das sind fast 15 Prozent mehr als im vergangenen Jahr. Aber auch die gleiche Zahl der Unternehmen fuhr die Investitionen zurück. „Man erkennt, dass unsere Branchen exakt auf dem Scheideweg zwischen Zukunftsausgaben und Gegenwartsbremse sind. Die Entwicklung der Märkte geben Argumente für beide Haltungen“, so IPV-Vorstandsvorsitzender Klaus Jahn. Eine Wahrheit ist aber auch, dass etliche Unternehmen bereits in den vergangenen Jahren umfassend investiert hatten. Das Thema Fachkräftemangel schmerzt Klaus Jahn besonders: „Wir haben eine zukunftssichere Branche mit sehr guter Auftragslage, aber jeder zweite Betrieb klagt mittlerweile über fehlende Mitarbeiter, um seine Maschinen fachgerecht zu bedienen, um erfolgreich zu produzieren.“

Umweltschutz und Kunststoffalternativen im Fokus

Die Umstellung der Produkte hat bereits seit einigen Jahren mit der Forschung einer besseren Recyclingfähigkeit und der Umstellung auf nachwachsende Rohstoffe begonnen. Fast 70 Prozent spüren die Nachfrage bzw. den Druck der Kunden nach faserbasierten Produkten als Ersatz für kunststoffbasierte Verpackungen. Nach wie vor beklagen drei von vier Unternehmen das negative Image von Kunststoffen in der Öffentlichkeit. Der Trend zu faserbasierten Produkten hält nun aber auch schon einige Jahre an und verfestigt sich. Und die Verpackungsindustrie reagiert natürlich darauf. Noch stärker ist die Anzahl Unternehmen, die sich kritisch zum Thema Littering aussprechen. Immer wieder werden die Hersteller zur Verantwortung gezogen, wenn Konsumenten Verpackungen unsachgemäß in der Umwelt entsorgen, statt sie dem Recycling zuzuführen. Dabei besitzt Deutschland einen umfassenden und sehr gut funktionierenden Wertstoffkreislauf, der weltweit Anerkennung findet.

Im politischen Teil der Branchenumfrage geben die Unternehmen einen Ausblick auf die Tagespolitik. Der regierenden Ampel-Koalition treten sie skeptisch gegenüber. Die Mehrheit der Unternehmen befürchtet, dass ihre Arbeit durch sie erschwert wird. Befürchtet werden unter anderem Eingriffe in die Tarifautonomie und drohende Umweltschutzmaßnahmen, die sich direkt und einseitig auf die Verpackungsindustrie auswirken werden. „Unsere Mitglieder fordern zudem als politische Agenda, dass wir uns weiterhin für den Wegfall von EU-Subventionen für osteuropäische Mitbewerber stark machen, das verzerrt den Wettbewerb. Die Rahmenbedingungen in der EU müssen gleichwertig sein“, so Karsten Hunger. „Darüber hinaus kämpfen wir auf breiter Front auch national für den Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit unserer regional stark verankerten Branche. Und wenn ich noch ergänzen darf: der lange geforderte Bürokratieabbau muss endlich spürbar werden. Der statistische und regulatorische Aufwand, den man als Unternehmen der Verpackungsindustrie betreiben muss, hat eher zu als abgenommen.“




 

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