Interview mit Tobias Vogel, Igus
"Man kann sich vor Wandel nicht verstecken"

10.03.2021 Der Geschäftsführer Gleitlager & Lineartechnik von Igus über Verpackungen, Digitalisierung und digitale Messen sowie: sich verändern.

Ist seit 2020 in der Geschäftsführung von Igus: Tobias Vogel
© Foto: Igus
Ist seit 2020 in der Geschäftsführung von Igus: Tobias Vogel

Als Juniorverkäufer und damit als „Mädchen für alles“ stieg Tobias Vogel 1994 bei Igus im technischen Verkaufsinnendienst ein – 2020 folgt der Schritt in die Geschäftsführung. Der begeisterte Rennradfahrer und Gravel Biker bekommt den Kopf gerne beim Fahren durch die Natur frei. Als gebürtiger Essener, zog es ihn im Kindesalter nach Köln und damit bereits früh in die Nähe des heutigen Produktionsstandorts von Igus. An seiner Arbeit liebt er vor allem die Vielfalt an Themen, mit denen er sich tagtäglich beschäftigt. Denn Igus ist mit seinen Produkten, angefangen von Energieketten und Leitungen über schmier- und wartungsfreie Lager- und Lineartechnik bis hin zu Low-Cost-Robotern, in vielen Bereichen zu finden – sei es in Krananlagen in Fernost, in Spoilern von Sportwagen oder in Verpackungsmaschinen und Abfüllanlagen.

Im Exklusiv-Gespräch mit dem packREPORT spricht Tobias Vogel ausführlich über …

… Verpackungen

Einer meiner ersten größeren Kunden war damals der größte Hersteller von Abfüll- und Verpackungsmaschinen in Bayern. Dieses große Unternehmen war für mich als Berufsanfänger sehr beeindruckend. Ich durfte eigenverantwortlich diesen Kunden betreuen, mit dem ich bis heute eng verbunden bin. Damals hatten wir übrigens nur einen für die Lebensmittel- und Verpackungsindustrie zugelassenen Werkstoff – inzwischen sind es acht. Die Anforderungen dieser Branche sind über die Jahre stark in die Produktentwicklung mit eingeflossen, zumal unsere schmier- und wartungsfreien Lager hier ihre Stärken wie Schmiermittel-, Korrosions- und Wartungsfreiheit voll ausspielen können. Auch wenn wir inzwischen in vielen Branchen zuhause sind, kann man durchaus sagen, die Lebensmittel- und Verpackungsindustrie hat Igus schon maßgeblich mitgeprägt. Verpackungen sehe ich seit Beginn meiner Tätigkeit bei Igus mit anderen Augen. Ich schaue zum Beispiel beim Einkauf genauer hin: Wie ist die Qualität beispielsweise bei der Etikettierung oder dem Füllstand einer Getränkeflasche? In den letzten Jahren ist dazu gekommen, dass ich auch verstärkt darauf achte, wie nachhaltig eine Verpackung ist.

… 26 Jahre bei Igus

Igus hat sich natürlich in dieser Zeit verändert: angefangen von einer größeren Flexibilität bei den Arbeitszeiten und Homeoffice bis hin zu der verstärkten Bedeutung von Aspekten der Nachhaltigkeit. Was aber im Kern immer noch so wie vor 26 Jahren ist, ist der große Zusammenhalt der „Igusianer“. Waren wir damals nur wenige 100 Kollegen am Standort Köln, sind es nun über 2.000. So wie wir damals ein überschaubares Team waren, hat sich dieses Miteinander inzwischen auch in die vielen kleinen Teams verlagert. Ich denke auch, dass dabei ein zweiter Punkt eine wichtige Rolle spielt, der sich bis heute im Kern nicht verändert hat und den alle hier leben: Kundenorientierung. Wenn der Kunde eine Lösung benötigt, dann sind wir sofort da. Vor Ort, am Telefon, auf unserer Messe oder im Chat. Das wurde bereits 1986 im Igus Sonnensystem von Geschäftsführer Frank Blase skizziert. Es befindet sich direkt im Eingangsbereich: der Kunde als die Sonne, um die wir als Planeten mit allen unseren Aktivitäten kreisen.

… sich persönlich verändern

Einiges hat sich bis heute nicht geändert. Ich bin nach wie vor neugierig, ehrgeizig und möchte immer noch Dinge aktiv entwickeln und vorantreiben. Dabei bin ich sicherlich im Laufe der Jahre etwas besonnener geworden. Gleichzeitig bin ich vor allem in der Zeit, seitdem ich als Prokurist auch die weltweiten Igus-Filialen besucht habe, weltoffener geworden und habe meinen Horizont erweitern können. Aber eines ist mir im Laufe der Zeit besonders stark bewusst geworden: Man kann sich vor Wandel nicht verstecken. Die Frage ist doch vielmehr, wie gehe ich mit ihm um, wie gestalte ich ihn aktiv? Und genau das versuche ich seit einigen Jahren verstärkt in die Arbeit mit den Igus-Teams mit einzubringen.

… den Arbeitsalltag

„Gute Vorbereitung ist die halbe Miete“ sagt ein Sprichwort. Dem stimme ich hundertprozentig zu. Vieles vom Tageserfolg liegt in einer guten Vorbereitung, sei es bei einem internen Meeting oder im Gespräch mit dem Kunden. Wichtig ist auch den Spaß an der Arbeit, im Team und gemeinsames Lachen nicht zu vergessen, gerade hier in Köln. Und eine gewisse Gelassenheit. Da hilft mir beispielweise ein guter Start in den Tag mit Frühsport, Kaffee und Zeitung.

… Corona

Igus befindet sich aktuell weiterhin auf einem guten Weg. Wir produzieren fast ausschließlich am Standort Köln und die Produktion läuft hier aktuell komplett störungsfrei. Seit Februar 2020 haben wir über 250 Präventivmaßnahmen umgesetzt: die behördlich vorgeschriebenen genauso wie darüber hinausgehende. Wir bieten unseren Besuchern zum Beispiel in Kooperation mit einem Kölner Institut kostenlose Schnelltests an und haben auf unserem Gelände einen Drive-In für Selbstabholer eingerichtet. Gleichzeitig hat neben der Lieferfähigkeit auch unsere Innovationskraft nicht nachgelassen.

Mir persönlich fehlt seit der Pandemie beispielsweise das Reisen und damit verbunden die vielen neuen Eindrücke oder mal Essen zu gehen. Aber ich weiß auch, am Ende sind das nur persönliche kleinere Unannehmlichkeiten, verglichen mit den großen Auswirkungen der Corona-Zeit auf Wirtschaft und Gesellschaft.

… digitale Messen

Im Mai 2020 haben wir eine eigene digitale Messe gestartet. Dort stellen wir über 100 Neuheiten aus, vom intelligenten 3D-gedruckten Lager bis zur besonders schnell zu öffnenden Energiekette. Auf dem 400 Quadratmeter großen Stand zeigen wir, wie Kunden mit unseren Hochleistungskunststoffen in ihren bewegten Anwendungen Kosten sparen und ihre Technik verbessern können. Mit Erfolg: Inzwischen haben über 55.000 Besucher die virtuelle Variante unseres realen Messestandes besucht, weitere 13.000 Interessierte haben den Stand gemeinsam mit einem Igus-Berater über das Netz erkundet. Im Moment gehen wir davon aus, dass zumindest bis Mitte 2021 nur sehr wenige große Messen stattfinden werden beziehungsweise wenn sie stattfinden, nur wenige Besucher erwartet werden. Somit werden wir unser Konzept im Jahr 2021 sicher fortführen. Der Vorteil für alle Mitarbeiter, inklusive mir, ist, dass wir diesen Stand sehr vielfältig nutzen: für Standführungen, Videodrehs, Webinare, Pressekonferenzen und vieles mehr.

… Digitalisierung

Wie ich schon erwähnt habe, gilt es Veränderungen nicht aufzuhalten, sondern aktiv mitzugestalten. Das zeigt sich insbesondere im Bereich des digitalen Wandels. Das gilt nicht nur für mich, sondern auch für das gesamte Unternehmen. Wir haben bereits früh in die Digitalisierung investiert. Ein Beispiel sind die über 30 Online-Tools, mit denen Kunden auf unserer Webseite kostenfrei und ohne Registrierung ihre Motion Plastics konfigurieren und berechnen können. Diesen Weg werden wir weitergehen. Denn wir sehen, dass die Veränderungen in diesem Bereich nicht nur Risiko, sondern vielmehr Chance sind. So gehe ich davon aus, dass sich das Bestellverhalten von Privat- und Geschäftskunden generell angleichen wird. Der Kunde erwartet, dass er genauso schnell und unkompliziert eine frei konfigurierte 2.000-mm-Linearachse mit Motor, Handklemmung und Anschlussleitungen bei Igus bestellen kann, wie die neue Stereoanlage bei Amazon. Da müssen wir heute bereits ansetzen – und genau das tun wir.

… die Agenda 2021

Neben den beschriebenen weiteren Investitionen in die Digitalisierung erweitern wir derzeit unseren Hauptstandort in Köln, um dort Raum für weiteres Wachstum zu schaffen. Dieses kann aber nur gelingen, wenn am Ende die genannten Punkte wie Nähe zum Kunden, Produktinnovation, schnelle Lieferzeit sowie klare, bewiesene Vorteile weiterhin erfüllt werden. Daran arbeiten wir jeden Tag auf allen Ebenen. Für mich persönlich: Eindeutig reisen, wenn möglich. Auch wenn wir noch nichts geplant haben, im nächsten Jahr würde ich mich sehr freuen, wieder die Koffer packen zu können und neue Orte kennenzulernen. Wir wollten schon immer mal nach Sardinien, um dort neben Land und Leuten auch die regionale Küche zu erkunden.

 

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