Deutsche Umwelthilfe
„Erneut zweifelhafte Ökobilanz zu Getränkekartons“

01.11.2021 Was die Deutsche Umwelthilfe (DUH) und das Aktionsforum Glasverpackung dem Fachverband Kartonverpackungen für flüssige Nahrungsmittel (FKN) erwidern.

DUH: „Neuberechnung erbringt erneut zweifelhafte Ergebnisse.“
© Foto: IMAGO / bonn-sequenz
DUH: „Neuberechnung erbringt erneut zweifelhafte Ergebnisse.“

Es ist nur wenige Tage her: „Umweltbundesamt bestätigt ökologische Vorteile des Getränkekartons“ – so titelte der packREPORT im Oktober dieses Jahres. „An der positiven ökologischen Bewertung des Getränkekartons durch das Umweltbundesamt (UBA) ändert sich nichts“, hieß es da seitens des Fachverbands Kartonverpackungen für flüssige Nahrungsmittel e.V. (FKN), Berlin.

Ein hitziges Thema, das seit jeher die Verpackungsgemüter erregt. Und auch wenn in der Branche die Emotionen, zumindest in der Öffentlichkeit, eigentlich nur selten hochkochen – bei diesem Sujet geht es oftmals heiß her.

Als eines der führenden Fachdebattenportale in Deutschland wollen wir solche Diskussionen natürlich abbilden. Und die Reaktionen auf die Meldung des FKN haben es in sich. Lesen Sie exklusiv bei uns, was die Deutsche Umwelthilfe (DUH) und das Aktionsforum Glasverpackung davon halten. Wir dokumentieren die Stellungnahmen im Wortlaut.

Statement Deutsche Umwelthilfe (DUH):

„Die im August 2021 im Auftrag des Einweg-Lobbyverbandes FKN veröffentlichte Neuberechnung einer Ökobilanz zu Getränkekartons erbringt nach Einschätzung der Deutschen Umwelthilfe (DUH) erneut zweifelhafte Ergebnisse, insbesondere in der wichtigen Kategorie Klimawandel. Die Neubilanzierung war notwendig geworden, nachdem durch die DUH bei der ersten Berechnung erhebliche Fehler aufgedeckt geworden waren.

Der Klimawandel wartet nicht auf nachwachsende Bäume

In der neuen Studie wurden die Transportentfernungen von Milch und Saft in Mehrwegflaschen halbiert und die Recyclingquote der Getränkekartons von 64,7 auf nur noch 42,5 Prozent reduziert. Allerdings veränderte sich bei den Klimaauswirkungen trotz der vorgenommenen Anpassungen faktisch nichts: der Getränkekarton wird weiterhin als klimafreundlichste Verpackung eingeschätzt. Tatsächlich könnte selbst bei einer Transportentfernung für Frischmilch in Mehrweg von 0 km der Getränkekarton nach den IFEU-Ergebnissen 15.500 km weit transportiert und zu mehr als der Hälfte verbrannt werden und trotzdem hätte dieser eine bessere Klimabilanz. Aber wie kann das sein? Ein Grund dafür sind u.a. CO2-Gutschriften für die von Pflanzen im Holz gespeicherten Mengen an Kohlenstoff. Für eine kurzlebige Einwegverpackung, die überwiegend verbrannt wird, allerdings eine sehr fragwürdige Betrachtungsweise. Für das Klima wäre es am besten, Bäume stehen zu lassen, denn dann könnten diese auch weiterhin der Atmosphäre CO2 entziehen. Getränkekartons können das nicht. Zudem muss berücksichtigt werden, dass Bäume 20 bis 50 Jahre brauchen, um größere Mengen CO2 zu binden. Der Klimawandel ist bereits jetzt im Gange und wartet nicht auf nachwachsende Bäume.

Nur nachhaltig geschlagenes Holz?

Die Vergabe von CO2-Gutschriften für die Verwendung von Holzfasern zur Getränkekartonproduktion wird in der Studie damit legitimiert, dass ausschließlich Holz aus nachhaltiger Waldbewirtschaftung verwendet würde. Ein kurzer Besuch im Supermarkt reicht jedoch aus, um diese entscheidende Annahme in Zweifel zu ziehen. In den Verkaufsregalen findet man massenhaft Getränkekartons, die lediglich ein FSC-Mix Siegel tragen. Eine zu hundert Prozent nachhaltige Waldbewirtschaftung, wie in der Ökobilanz angenommen, garantiert dieses Siegel nicht. Fragen der DUH nach dem Anteil FSC-zertifizierten Holzes zur Getränkekartonproduktion in Deutschland wollten weder der Lobbyverband FKN noch Mitgliedsunternehmen wie Tetra Pak, SIG Combibloc oder Elopak beantworten.

Die Verbrennung von Getränkekartons macht den Unterschied und stellt die Abfallhierarchie auf den Kopf

In der Ökobilanz erhält der Getränkekarton für die Verbrennung besonders hohe CO2-Gutschriften, was in der Gesamtbetrachtung zu den vermeintlich geringen Klimaauswirkungen führt. Die horrenden Gutschriften kommen deshalb zustande, weil der Ersatz fossiler Rohstoffe zur Wärme- und Elektrizitätsgewinnung angenommen wird. Nimmt man die Studie ernst, dann muss man sich die Frage stellen, warum Papier überhaupt recycelt und nicht komplett verfeuert wird. Die Abfallhierarchie wird in der Getränkekarton-Ökobilanz auf den Kopf gestellt.

In Wirklichkeit spielt die Verbrennung von Papier oder Getränkekartons keinerlei Rolle für die Bereitstellung von Elektrizität oder Wärme und wird dafür auch nicht benötigt. Es gibt viel klimafreundlichere Technologien zur Energieerzeugung. Deshalb ist auch die Annahme des Ersatzes von Kohle, Öl oder Gas durchaus kritisch zu hinterfragen. Insbesondere vor dem Hintergrund des beschlossenen Kohleausstiegs und von Programmen zur Förderung erneuerbarer Energien.

Erneut nachteilige Annahmen für Mehrweg

Bei der Überarbeitung der Ökobilanz wurden die Transportentfernungen für die Mehrwegflaschen halbiert und trotzdem ist die resultierende CO2-Belastung auf gleichem Niveau geblieben. Es muss sich somit ein anderer Parameter deutlich erhöht haben. Tatsächlich ist es so, dass sich die CO2-Belastung, die durch die Abfüllung entsteht, im Vergleich zur 2019 veröffentlichten Studie mehr als verdoppelt hat. Eine Erklärung für die um 155 % höheren CO2-Emissionen bei der Abfüllung von Mehrwegflaschen ist in der Studie nicht enthalten.

In der Theorie von Ökobilanzen gibt es keinen Müll in der Umwelt und auch kein Artensterben

Bei der Betrachtung der Umweltauswirkungen von Getränkekartons spielt das Littering und auch das Thema Biodiversität eine wichtige Rolle. Denn schließlich sind Getränkekartons unbepfandet und vor allem kleinformatige Modelle für unterwegs landen schnell in der Umwelt. Dies birgt die Gefahr des Kunststoffeintrags in die Umwelt, denn Getränkekartons bestehen im Durchschnitt zu einem Viertel aus Plastik. Auch der Anbau von Monokulturen in großem Stil wirkt sich negativ auf die Artenvielfalt aus. Stattdessen sollten natürliche Wälder geschützt und wenn möglich aufgeforstet werden, um Lebensräume für Pflanzen und Tiere zu bieten und so zum Erhalt der Artenvielfalt beizutragen. Der Holzanbau und -schlag zur Produktion von Milliarden Getränkekartons stellt zudem alles andere als eine nachhaltige Bodennutzung dar. Dies sollte vor allem dann berücksichtigt werden, wenn es als Alternative zu Getränkekartons vielfach wiederbefüllbare Mehrwegflaschen gibt, sodass Monokulturen, die Beeinträchtigung der Artenvielfalt und Bodenschädigung überflüssig werden.“

Statement Aktionsforum Glasverpackung:

„Wir haben die FKN-Studie zur Kenntnis genommen und möchten nur darauf hinweisen, dass der Marktanteil des untersuchten Milch-Mehrweg-Systems gerade einmal 2 Prozent beträgt, während er beim Getränkekarton bei 83 Prozent liegt. In der Berichterstattung wird die erhebliche Ungleichheit der Marktanteile nicht ausreichend berücksichtigt, so dass bei einer oberflächlichen Betrachtung der Eindruck entstehen kann, dass hier zwei gleichwertige Systeme miteinander konkurrieren.

Es lässt sich sicherlich auch festhalten, dass die angewandte Methodik bezüglich des Umgangs mit gebundenem Kohlenstoff die Hersteller von Produkten, die nachwachsende Rohstoffe einsetzen, grundsätzlich bevorteilt, während das Kriterium der Abfallvermeidung, das eigentlich politisch gewollt ist, methodisch nicht berücksichtigt wird. Die Aussagekraft der Ökobilanz ist daher aus unserer Sicht begrenzt.“

Das Aktionsforum Glasverpackung ist eine Initiative der Behälterglasindustrie in Deutschland.




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