Materialentwicklung
Apeel: fest wie PU, vegan und biologisch abbaubar

19.01.2021 Biologisch abbaubar und robust – gute Eigenschaften für ein Material. Wenn es sich auch noch aus Haushaltsabfällen herstellen lässt – umso besser. Ihr Material Apeel erläutert die Materialentwicklerin Youyang Song im Gespräch mit dem packREPORT.

Das Bio-Material Apeel der Entwicklering Youyang Song besteht hauptsächlich aus haushaltsüblichen Bioabfällen.
© Foto: Youyang Song
Das Bio-Material Apeel der Entwicklering Youyang Song besteht hauptsächlich aus haushaltsüblichen Bioabfällen.

Apeel. Allein der Name erweckt Assoziationen: Er drückt Anziehungskraft aus, erinnert aber auch an Bananen und Orangen, die geschält werden wollen. Das englische Wort appeal lässt sich zudem als Beschwerde übersetzen. Ist Apeel also vielleicht auch eine Mahnung, dass es noch anders geht?

Anders heißt in diesem Fall bio und vegan. Apeel ist nämlich ein Material, das aus Lebensmittelabfällen wie Bananen- oder Orangenschalen und anderen biobasierten Rohstoffen besteht – ein hundertprozentiges Naturprodukt. „Das Material ist vollständig biologisch abbaubar, bewahrt einen fruchtigen Geruch und eine feine Textur und lässt sich leicht recyceln, wiederaufbereiten und neugestalten,“ erläutert die Materialentwicklerin Youyang Song, die derzeit in Berlin lebt und arbeitet. Sie beschreibt die Leistung des Materials in Bezug auf die Festigkeit als gleichwertig mit PU-Material. Es übertreffe dieses aber in Bezug auf Dehnbarkeit und Flexibilität. Zudem werden dem Material keine chemischen Mittel zugesetzt, da das Material so umweltfreundlich wie möglich sein soll, erläutert Song. Auch der Herstellungsprozess folge einer Low-Carbon-Richtlinie.  

Bevor Youyang Song zur Materialentwicklung kam, studierte sie Modedesign. © Foto: Youyang Song
Bevor Youyang Song zur Materialentwicklung kam, studierte sie Modedesign.

Auszeichnung für Apeel

Mit ihrem Konzept erklomm Song das Siegertreppchen beim Deutschen Nachhaltigkeitspreis Design 2021 in der Kategorie Visionen.  Die Jury bezeichnete Apeel dort als „innovatives, superspannendes Material, das vielfältige Anwendungsmöglichkeiten eröffnet“ und fühlte sich in Haptik und Optik an weiches Leder erinnert. Doch tierische Substanzen sind für die Herstellung gar nicht nötig.

Neben haushaltsüblichen Bioabfällen wie Bananen- oder Orangenschalen sowie Sojaresten lassen sich bei der Herstellung von Apeel weitere Bioabfälle hinzugeben. Sie dienen laut Song aber hauptsächlich als optisches Merkmal und bringen einzigartige Muster in jedes einzelne Materialstück. Song testet daneben neue Kombinationen und Möglichkeiten mit anderen Bioabfällen. Das Beste an Apeel sei, dass es als hundertprozentiges Naturprodukt keine besonderen Anforderungen an die Zersetzung des Materials gebe, so Song. „Der Verbraucher kann das Material einfach wie normalen Bioabfall behandeln, wenn er sich dafür entscheidet, es zu entsorgen. Es wird keine Schäden für die Umwelt verursachen.“

Bevor Song auf die Entwicklung des Bio-Materials stieß, nahm sie den Ursprung des heutigen Kunststoffs genau unter die Lupe und entwickelte daraus ihr eigenes biologisches Konzept. Nach ersten Erfolgen testete sie etwa ein halbes Jahr lang verschiedene Kombinationen, Formeln und Techniken, bis sie schließlich in die Nähe eines Produkts kam, das ihren Vorstellungen entsprach. „Ich sehe ein großes Potenzial im Bio-Material und glaube, dass ich etwas schaffen kann, das vergleichbare Leistungen wie Leder oder Plastik hat, aber die Umwelt nicht gefährdet“, sagt Song.

Das Bio-Material Apeel eröffnet vielfältige Anwendungsmöglichkeiten, von der Handtasche bis zum Tray. © Foto: Youyang Song
Das Bio-Material Apeel eröffnet vielfältige Anwendungsmöglichkeiten, von der Handtasche bis zum Tray.

Bio-Material in der Anwendung

Ähnlich wie herkömmliche Textilien eignet sich Apeel zum Nähen, Stricken und Besticken – so lässt sich beispielsweise eine Handtasche aus dem Material fertigen. Auch verschiedene Behälter können aus dem Material geformt werden: für Brillen, Kleingeld, Stifte – die Möglichkeiten sind vielfältig. Warum nicht auch als Tray für Obst und Gemüse im Supermarkt? Song beschreibt weiterhin, dass sich Apeel, wenn es sich noch im flüssigen Zustand befindet, mithilfe moderner Verarbeitungstechnologien wie dem 3D-Druck in die jeweilige gewünschte Form bringen lässt. Das Material trocknet dann während des Druckvorgangs aus.

Derzeit prüft Song Möglichkeiten zur Anwendung von Apeel in der Verpackungsindustrie. Im Moment sei das Material eher für eine leichte Beanspruchung vorgesehen. „Für weitere Anwendungen wie Lebensmittelverpackungen oder aseptische Verpackungen müssen wir das Material noch etwas weiter untersuchen“, erklärt Song.

Aufmerksamkeit erfährt ihr nachhaltiges Biomaterial derzeit auf jeden Fall eine Menge. Sie stehe mit mehreren internationalen Marken und Designern im Austausch, erläutert Song, um die weitere Verwendung des Materials zu diskutieren. „Wir hoffen, dass es in naher Zukunft auf den Markt kommen wird“, sagt die Materialentwicklerin. In welcher Form genau, wollte sie noch nicht verraten. Wir dürfen gespannt bleiben. (mns)

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